Wir haben bereits einige Kilometer hinter uns, als der frühe Morgen einen Sonnenaufgang präsentiert, dessen kraftvolle Farben so schön und intensiv sind, dass sie schon fast wieder kitschig erscheinen. Das Meer liegt ruhig. Darüber ein dramatisch geflammter Himmel. 170 Kilometer vom spanischen Festland entfernt ist die Luft von einer verzaubernden Klarheit. Die ersten Strahlen der Sonne umfangen uns. Und versprechen einen heißen, wunderbaren Tag. Der Wind zerrt uns manchmal fast aus dem Wagen. Der elegante Morgan +8, 198 PS, vermittelt ein Ur-Cabrio-Gefühl. Und durch den 8-Zylinder-Motor kriegt man in den noch kühlen Morgenstunden warme Beine. Am Straßenrand winken die Leute (ich fürchte, es gilt nicht uns, sondern dem Auto!), wenn wir wie auf einem Schiff dahingleiten. Aufgrund des üppigen Hubraums von 3,5 Litern schrauben wir uns die Berge hinauf, ohne zurückzuschalten. Den Blick fest übers Walnuss-Armaturenbrett gerichtet, sehen wir auf dem Weg vom Flughafen über die Autobahnen Ma-19 / Ma-27 außer Zitronenbäumen und lieblich geschwungenen Tälern bei Bunyola bald ein eher unscheinbares Haus.
Unter einem Holzdach hängen mit Wasser gefüllte Plastikbeutel. Die Obstbauern der Gegend sagen, das Licht breche sich darin und störe den Blick der Fruchtfliegen, sodass sie einen Umweg nähmen. An einem Tisch mit karierter Decke, umgeben von Kirschen und Zitronen, sitzt Don Eduardo mit leicht gerötetem Gesicht und schaut durch eine dünne Metallbrille auf seine Besucher. Mit dürren Worten klagt er über die Hitze und vertreibt eine Fliege, die das Konzept der Wasserbeutel infrage stellt. Als es darum geht, das Rezept seines Kräuterlikörs Hierbas Orient zu preisen, wird er gesprächiger: „So etwas bekommen Sie nicht überall!“ Ein Liter 40-prozentiger Alkohol bester Qualität, 250 Gramm Zucker, Zitronenschalen, Fenchelsamen und einige Zutaten, die der Geheimhaltung unterliegen. Wie die Tatsache, dass Don Eduardo überhaupt Likör verkauft. Viele seiner Nachbarn hüten ihrerseits Familienrezepte. Sie alle möchten weiter Schnaps brennen, ohne von den Behörden gestört oder daran gehindert zu werden. Fragen Sie also erst gar nicht nach Don Eduardo, denn in Wahrheit heißt er anders. Aber mit einer Spürnase und ein wenig Geduld werden Sie ihn sicher finden.
Von Santa Maria del Camí über Alaró Richtung Orient erhaschen wir einen Blick auf das Castell d’Alaró, in dem die Christen den maurischen Eroberern acht Jahre lang trotzten. Die Aussicht vom hoch über den Bergen gelegenen Kastell wäre wohl noch beeindruckender. Allerdings müssten wir dazu einen etwa dreieinhalbstündigen Fußmarsch auf uns nehmen. Zu viel für unser straffes Tagesprogramm Das führt uns durch das Hochtal von Orient, in dem es auch im Sommer vier bis fünf Grad kühler ist als in der Ebene, nach Bunyola und dann weiter, über die Ma-11, Richtung Sóller. Lichtes Grün von Olivenbäumen, rote Mohnblüten, und wenn wir den Motor einen Moment abstellen, hören wir: nichts. Paradiesische Ruhe, unterbrochen nur vom Zirpen der Grillen und Zikaden.
Text: Andreas Wenderoth/ ADAC reisemagazin 
Den kompletten Text und weitere Reisetipps für Mallorca finden Sie im
ADAC reisemagazin „Mallorca – Mehr als eine Insel“ unter www.adac.de/reisemagazin
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