Autorennen Targa Florio auf Sizilien Teil II - Die Kurve gekriegt

Autorennen Targa Florio auf Sizilien Teil II

Die Kurve gekriegt


Wir begeben uns in einem Alfa Giulietta von 2010 auf die Reise in die Vergangenheit. Fast jeder Mann auf unserer Tour starrt das rote Auto an. Einige berühren es. Die Autoleidenschaft der Sizilianer ist nicht die einzige Spur, die vom legendären Rennen geblieben ist.

Kurz vor Cerda passieren wir den Start-Ziel-Bereich: Tribünen, die Boxengasse, eine Linkskurve. Erst viele Kilometer später, im Museum in Collesano, werden wir die Magie des Ortes begreifen: Dort sehen wir Bilder von Männern mit rußigem Gesicht und Clark-Gable-Bärtchen, umgarnt von Frauen mit abenteuerlicher Frisur. Und Tausende Fans. In der Gegenwart ist alles dem Verfall überlassen. Das Haupthaus ein Betonskelett. Nur ein Wort ist im zerbröselnden Putz zu lesen: "Florio". Nebenan verrottet eine Tribüne, die Neonröhren an der Decke sind staubschwarz, Risse durchziehen das Mauerwerk wie Adern.

Ein paar Kilometer weiter: Cerda. Die Hauptstraße des Ortes hat eine rund 1400 Meter lange Gerade. Auf halber Höhe, an der zentralen Piazza La Mantia, stehen am Straßenrand drei Tanksäulen. Männer mit stachligem Bart erinnern sich an die großen Tage der Targa und an ihre Jugend. Nicht ohne Stolz erzählen sie, wie die Boliden hier an Gemüseläden und Rentnern auf Klappstühlen vorbeidonnerten. Dass es die Targa nicht mehr gibt, jedenfalls nicht so wie damals, werden sie nie verstehen.

Einer holt Totò Riolo hinzu. Der 45-Jährige ist eine lokale Rallye-Größe und gewann mehrmals die neuzeitliche Variante des Rennens. Früher war alles anders, schneller, wilder: "Mit 200 rasten sie durchs Dorf", erzählt er, und sein Arm saust fast ebenso schnell von rechts nach links, "deshalb wurde den Leuten gesagt, sie sollen Türen und Fenster verrammeln und Haustiere und Kinder wegschließen."

Nach Cerda wird die Strecke der Targa Florio zum Landschaftswunder. Der Verkehr scheint abzusterben. Wir halten an, mitten auf der Straße. An den Seiten des unebenen Asphalts wuchert die Flora, als arbeite die Natur an der Rückeroberung. Tiefe Senken, Brüche, fleckige, ausgebesserte Stellen. Wir fahren vorsichtig und langsam, auch um uns Seitenblicke zu erlauben. Bäume, Wiesen und Felder tünchen die Hügel grünbraun. Regelmäßig bewegen sich weiße Flächen durchs Bild, die zähflüssig eine Form suchen: Schafherden.

Einst soll ein Rennfahrer bei einem verbotenen Training ein Tier überfahren haben. Weil der eine offizielle Testtag nicht reichte, um sich die Kurven einzuprägen, schraubten die Piloten Nummernschilder an ihr Auto und übten illegal im Alltagsverkehr. Dabei erwischte es jenes arglose Schaf. Um die Sache aus der Welt zu schaffen, drückte der Fahrer dem Schäfer ein Bündel Lire in die Hand, ein Vielfaches des Viehmarktpreises. Am nächsten Tag, so heißt es, seien ungewöhnlich viele Herden in Streckennähe unterwegs gewesen.

Wir erreichen das Örtchen Caltavuturo und erleben Sizilien wie im Bilderbuch. Touristen verirren sich kaum hierher, die Straßen haben ein abenteuerliches Gefälle und messen kaum eine Fahrzeugbreite. Die Gassen duften nach feuchter Wäsche, die auf den Balkonen trocknet. Bei Caltavuturo muss abbiegen, wer sich mit der kleinen Runde begnügen will. 72 Kilometer ist sie lang. 1970 bezwang sie der Finne Leo Kinnunen in 33 Minuten und 36 Sekunden.
Wir bleiben auf der Strecke der Urtarga. Auch unser Tempo erinnert eher an 1906. Den Höhepunkt unserer Tour erreichen wir hinter dem Dorf Castellana Sicula: Bis auf 1147 Meter führt die Straße hinauf nach Petralia Soprana, der höchstgelegenen Gemeinde der Madonie-Berge. Von hier bietet sich ein kolossaler Ausblick zum Ätna mit seinem Schneekragen, der am Horizont gelassen seine Rauchwolken auspafft. Schon bei der Kurvenfahrt hinauf sehen wir die Häuschen des Ortes, wie auf den Bergkamm geklebt. In einer Ecke des Dorfplatzes hat Lombardo di Francesco seine Bar und verkauft Zigaretten, Schnaps und Lotterielose. Eine große Eistruhe schränkt die Bewegungsfreiheit ein. In einer Ecke staubt eine Vitrine vor sich hin. Pokale und ein Foto eines Porsche 911 aus den Siebzigern. Spuren der Targa.

In der zweiten Tageshälfte geht es bergab. Hinter Geraci Siculo wächst entlang der gewundenen Straße dichter Wald. Die Kurven werden immer herausfordernder. Im Navi-Display erscheint eine seltsame, unheimliche Schlange, als hätte hier jemand nach drei Flaschen Marsala versucht, Kreise zu malen.

Erst bei Collesano vereinen sich die kurze und die lange Runde wieder. Wie bereits in Castelbuono ist hier mehr Trubel als in den Bergen. Collesano ist ein mythischer Ort. Die Kurve der Via Isnello, links hinab in die Ortsmitte, ist auf Fotos und Plakaten verewigt: Rennautos dicht an Mauern, auf denen Halbstarke sitzen und ihre Beine baumeln lassen, Laden- und Straßenschilder, die in die Straße ragen. Und daneben, darüber, davor, dazwischen: Zuschauer, die ihren Hals recken und die Arme emporreißen. Kein Motiv bildet Charme und Wahnsinn dieser Rundfahrt so gut ab wie die Isnello-Kurve. Hier geschah es 1967 auch, dass Nino Vaccarella als Führender in eine Mauer krachte. An den Tagen danach kehrte er zurück und brach am Ort des Unfalls in Tränen aus.

Collesano ist der ideale Ort für ein Museum. Nach gefühlten hunderttausend Kurven müssen wir uns eine Pause gönnen. Nach ein paar Metern auf der Via Roma erreichen wir das Museo Targa Florio. Kalter Marmor umfängt uns und lässt die Nachmittagsschwüle vergessen. Rennanzüge und Schirmmützen mit dem "Gulf"-Aufnäher liegen in Vitrinen, Pokale, außerdem Helme, Rennfahrerbrillen und Automodelle. Das ist hübsch anzusehen, aber erst die chronologisch geordnete Fotosammlung an der Wand vermittelt einen Eindruck von der Zeit, als hier Rennsport zu atmen war. Von der grau verblichenen Jahrhundertwende über die Dreißiger- und Fünfzigerjahre bis in die farbigen Siebziger. Wer soeben die Strecke abgefahren ist, noch die Bilder vom Start-Ziel-Bereich im Kopf hat, das Lenkgefühl der Haarnadelkurven in den Fingern spürt, für den wirkt hier alles überwältigend. Erst nach zwei Stunden gibt einen die Faszination der Bilder wieder frei.

Dann weicht die Sehnsucht nach verblichenen Rennsport-Zeiten. Vernunft kehrt ein. Auch Nino Vaccarella ist nicht sentimental. Er war zuletzt hier oben, als 2004 das Museum eröffnet wurde. "Molta fortuna", sagt er mit grollender Stimme und holt mit den knochigen Armen weit aus, "wir hatten so viel Glück. Es ist ein Wunder, dass nicht mehr Unfälle passiert und noch mehr Menschen umgekommen sind." Unsterblich sind nur die Legenden.

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Text: Detlef Dreßlein/ ADAC reisemagazin
  



Den kompletten Text und weitere Reisetipps für Sizilien finden Sie im ADAC reisemagazin "Sizilien - Heiß wie ein Vulkan" unter www.adac.de/reisemagazin




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